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Alles auf dieser Erde riecht

Meist bemerken wir sie gar nicht, und erst, wenn sie nach irgendetwas riecht, wird sie uns bewusst – dabei brauchen wir täglich 20.000 Liter von ihr. Die Rede ist von Atemluft
Die Norwegische Chemikerin Sissel Tolaas befasst sich seit Jahrzehnten mit Gerüchen und arbeitet damit irgendwo zwischen Wissenschaft, Kunst und Werbung. Ein Gespräch über das, was in der Luft liegt.

Raumklima: Zunächst eine grundsätzliche Frage: Mit welchem Wort sprechen Sie über die olfaktorischen Qualitäten eines Raumes?

Sissel Tolaas: Ich benutze ausschließlich das Wort Geruch, das ist der neutralste Ausdruck. Begriffe wie „Duft“ oder „Gestank“ sind viel zu wertend. Ich versuche allem, was ich rieche, mit einer neutralen Haltung entgegenzutreten.

Raumklima: Welche Rolle spielt der Geruchssinn dabei, wie wir einen Raum wahrnehmen?

Sissel Tolaas: Die Nase weiß lange vor den Augen und Ohren, womit sie es zu tun hat. Dank ihr reagieren wir sofort und auch sehr emotional. Wann auch immer wir mit etwas Neuem konfrontiert sind, dringt zuerst dessen Geruch in unser System. Die Nase weiß, was los ist. Jeder Ort hat immer auch eine Geruchsidentität, die viele unsichtbare Informationen darüber in sich trägt, was dort passiert. Doch weil das unbewusst abläuft, nutzen wir diese Informationen kaum. Dabei würde das manchmal dazu führen, dass wir einen Raum betreten und ihn wortlos wieder verlassen. Weil wir merken, dass wir dort gerade kein Meeting abhalten sollten.

Raumklima: Was könnte es sein, das diese Warnung aussendet? Anders gefragt: Was bestimmt den Geruch eines Ortes?

Sissel Tolaas: Das können die Materialien der Möbel sein, der Bodenbelag, die Menschen, die sich dort aufhalten, was sie dort tun, Staub und Schmutz, Schimmel, Pflanzen, wie er belüftet ist und, und, und. Architektur ist nichts als verpackte Luft. Jeder Raum ist ein Paket voller Informationen, wie ein Geschenk.

Nahaufnahme Norwegische Chemikerin Sissel Tolaas riecht an einem Türknauf

Raumklima: Was wäre denn, würden wir diesen unterentwickelten Sinn besser einsetzen?

Sissel Tolaas: Wir hätten so viel mehr Spaß dabei, zu kommunizieren, uns durch die Welt zu navigieren und sie zu verstehen! Aber wir lassen uns hauptsächlich davon treiben, wie die Dinge aussehen. Dabei verfügt unsere Hardware, der Körper, über diese wunderbare Software, mit der wir den Geheimnissen der Luft auf die Spur kommen können. Ein Neugeborenes riecht seine Mutter, bevor es sie sehen kann. Mit jedem unserer Atemzüge nehmen wir Informationen auf, die in unser Unbewusstes und in unser Gedächtnis vordringen und dort Erinnerungen hervorrufen. Aber dabei bleibt es meistens und das ist einfach nicht richtig. Man kann den Geruchssinn auch als einen Muskel betrachten. Wenn wir ihn nicht benutzen, verkümmert er. Ich betrachte es als meine Aufgabe, das zu verändern.

Raumklima: Wie genau tun Sie das?

Sissel Tolaas: Mithilfe eines Vakuumsaugers mache ich eine Art Schnappschuss der Luft in einem Raum, zerlege ihn in einzelne Geruchsmoleküle und schlüssele auf diese Weise auf, welche Information sich darin befinden. Das kann je nach Kontext sehr einfach und konkret oder auch sehr komplex sein.

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Raumklima: Sie sind dafür bekannt, sich die Unterteilung in gute und schlechte Gerüche abtrainiert zu haben. Für die meisten anderen gilt das nicht. Gibt es Räume, die für eine größere Gruppe von Menschen „gut“ riechen? Etwa weil der Geruch Wohlgefühl oder Frische suggeriert?

Sissel Tolaas: Wie wir einen Geruch empfinden, ist sehr, sehr individuell. Das wird von so vielen Faktoren bestimmt, dass es unmöglich ist, da eine allgemeine Aussage zu treffen. Da gilt dasselbe wie für Parfüms, die ja auch an jedem Körper anders riechen. Jeder Raum ist ein eigener Mikrokosmos. Manche Gerüche sind permanent und statisch, manche nur temporär, und alles mischt sich. Allein unser Begriff von „frischer Luft“ – was um alles auf der Welt soll das bedeuten? Es wird Zeit, dass wir uns fragen, was gute Luft ist, was Luftqualität bedeutet und uns darüber unterhalten. Sie wären erstaunt, wie unterschiedlich die Antworten auf diese Fragen ausfallen. Deswegen kann man nicht sagen: Dieser Geruch ist gut für Sie und jener nicht. Zumindest ich möchte das nicht. Bald werden wir in Büros Gerüche verteilen, die uns konzentrierter arbeiten lassen und in anderen Räumen welche, bei denen wir besser Sport machen können – ganz so, wie wir heute Licht einsetzen. Das wird unser Nachdenken und Sprechen über Räume vollkommen verändern.

Raumklima: Wäre es denn möglich, einen Raum völlig ohne Geruch zu erschaffen?

Sissel Tolaas: Es gibt keinen Raum, der ein olfaktorisch unbeschriebenes Blatt ist. Alles auf dieser Erde riecht, alles. Das ist einfach so. Und in dem Moment, wo ein Mensch einen Raum betritt, bringt er Gerüche mit. Was nicht heißt, dass ein Raum für einzelne Nasen nicht „neutral“ riechen kann. Aber davon abgesehen: Wie langweilig wäre denn so eine Art Duftvakuum bitte? Wenn ich mir überlege, welche Art von Chemie man einsetzen müsste, um so etwas zu schaffen, halte ich die Idee sogar für beängstigend.

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Raumklima: Warum das?

Sissel Tolaas: Ich bin wirklich keine Freundin von Luftverschmutzung, aber zumindest kann man sie wahrnehmen und sich dann entsprechend verhalten. Gefährlich wird es, wenn man ihren Geruch mit dem von, sagen wir, Cupcakes überdeckt. Einmal bat mich eine Hotelkette, ein Spray zu entwickeln, das nach Äpfeln riecht, um damit Obstkörbe in Hotels zu beduften. Ich habe selbstverständlich abgelehnt. Ich glaube nicht an Raumsprays, Duftkerzen oder Putzmittel mit „Zitrusfrische“.

Raumklima: Sie wollen also die Wirklichkeit zeigen.

Sissel Tolaas: Es gibt so viele Gerüche da draußen, die wir erst einmal verstehen sollten, bevor wir noch etwas darüber legen. Wenn ich sage, ein Neugeborenes riecht die Mutter, bevor es sie sehen kann, heißt das auch: Ein Baby riecht erst den Geruch des Desinfektionsmittels im Krankenhaus, bevor es den der Muttermilch wahrnimmt. Und das ist durchaus auch metaphorisch zu verstehen.

Raumklima: Was ist die Idee hinter Ihrem Langzeitprojekt Nasalo?

Sissel Tolaas: Unser Vokabular in Sachen Gerüche ist bekanntlich sehr beschränkt. Deswegen lasse ich Testpersonen an Geruchsschnappschüssen riechen und bitte sie, mir jeweils ein Wort zu sagen, einen einzigen Ausdruck, der intuitiv beschreibt, was sie wahrnehmen. Ich zeichne alle diese Worte auf, viele verschiedene für ein und denselben Geruch, analysiere sie und kreiere daraus dann abstrakte Begriffe wie „chepdu“ für ein Lagerhaus voller billiger Möbel oder „muklun“ für angenehme Gerüche von Blumen oder Essen. So wird es irgendwann möglich sein, zum Beispiel ein Geruchswörterbuch für das Haus einer Familie mit allen seinen Komponenten zu entwickeln.

Interview von Anne Waak

Foto© Trevor Good  & Sissel Tolaas