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  • 15.09.2016
  • WOLF Redaktion

Die endlose Weite
des luftleeren Raums

Der Mensch verbraucht in seinem Leben bis zu 20 Millionen Liter Sauerstoff. Die Luft zum Atmen nimmt er als selbstverständlich hin. Wie wertvoll sie ist, zeigt sich, wo sie nicht beliebig verfügbar ist. Zum Beispiel in einer Raumstation im All.

Für manche Menschen geht auf ihrem Weg zur Arbeit viermal die Sonne auf. Sie sind aber nicht vier Tage unterwegs, sondern nur sechs Stunden. Weil das für einen pendelnden Arbeitnehmer immer noch ganz schön lang und der Weg nicht gerade ein Spaziergang ist, bleiben diese Menschen dann gleich ein paar Monate an ihrem Arbeitsplatz. Als Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS.

Blick auf England und Frankreich von der Internationalen Raumstation ISS, aufgenommen von Astronaut Tim Peake 2016. ©ESA/NASA.

In einer Höhe von rund 400 km zieht die ISS ihre Bahnen um die Erde, alle 92 Minuten eine. Seit Baubeginn 1998 ist sie zur größten künstlichen Struktur im Weltraum angewachsen – zumindest ist uns Erdbewohnern bislang keine größere bekannt. Als internationales Gemeinschaftsprojekt bildet sie eine Art Raumfahrer-Kolonie, die seit 15 Jahren dauerhaft von wechselnden Besatzungsmitgliedern unterschiedlicher Nationalität bewohnt wird. 220 Astronauten aus 18 Ländern waren es schon, auch der Deutsche Alexander Gerst verbrachte 2014 sechs Monate auf der ISS. Er forschte, er staunte, und er twitterte und bloggte so aktiv, dass er zu einer Berühmtheit wurde. Als dritter deutscher Astronaut auf der ISS (und elfter deutscher Astronaut überhaupt), bereitet sich Gerst aktuell auf seinen zweiten Einsatz 2018 vor, dann als Kommandant der Raumstation.

Seit 2011 hat die ISS eine Art Ausguck mit Fenstern in alle Richtungen, Cupola genannt. Darin können Astronauten sitzen und in die unendliche Weite schauen, in die sie nur in einem Raumanzug hinausdürfen, und das auch nur für ein paar Stunden. Denn da draußen herrschen Bedingungen, unter denen der Mensch nicht lebensfähig ist: Es gibt dort keine keine Luft und keinen Sauerstoff. Es gibt auch keinen Luftdruck, der den Lungen das Atmen ermöglichen würde. Körperflüssigkeit würde sofort verdampfen. Immerhin gibt es eine messbare Temperatur, aber die liegt bei lebensfeindlichen minus 270 °C, sofern nicht gerade eine Sonne in der Nähe ist. Ohne Schutz würde ein Mensch hier ersticken, erfrieren, verdampfen, verglühen.

„Wir leben auf einer winzigen Steinkugel, die durch das dunkle Universum rast und nur von einer hauchdünnen Atmosphäre umgeben ist. Das ist unser Raumschiff Erde.“

Alexander Gerst

Bilder von Weltraum-Außeneinsätzen sehen großartig aus, zeigen aber auch, wie klein der menschliche Lebensraum eigentlich ist. Das hat auch Alexander Gerst erkannt: „Wir leben wirklich auf einer winzigen Steinkugel, die durch das dunkle Universum rast und nur von einer hauchdünnen Atmosphäre umgeben ist. Das ist unser Raumschiff Erde. Das ist alles, was wir haben.“ Aber das könnte sich ändern. Nicht, weil der Planet Erde zerstört, sondern weil andere Planeten wie der Mars für eine Besiedelung urbar gemacht werden könnten. Dazu bräuchte es aber nicht nur geeignete Transportmittel, sondern auch Erkenntnisse über langfristige Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus und eine Antwort auf die Frage, wie sich erdähnliche Atmosphären erzeugen lassen, und zwar in Dimensionen, wie sie der Mensch von seinen Lebensräumen gewohnt ist.

US-Astronaut Reid Wiseman beim Außeneinsatz (unter Astronauten auch „Weltraumspaziergang“ genannt) an der ISS am 7. Oktober 2014. Foto© ESA/NASA.

Auf der ISS wird mit relativ konventioneller Technik wie Klimaanlage, Wärmetauscher und Luftfilter ein für Menschen angenehmes Raumklima hergestellt. Die Temperatur liegt je nach Bedarf zwischen 18,3 und 26,7 °C, die Luftfeuchtigkeit zwischen 25 und 75 Prozent, die Luftbewegung zwischen 0,5 und 1,0 m/s. Das klingt recht komfortabel, doch das geschlossene System bleibt eine Herausforderung. Ein Störfall wie das Feuer, das wegen einer überhitzten Sauerstoffpatrone 1997 auf der russischen Raumstation Mir ausbrach, kann für die Besatzung den Tod bedeuten.

Zeitraffer-Zusammenschnitt aus den schönsten Erdansichten, aufgenommen von Alexander Gerst während der „Blue Dot“-Mission 2014.

Das Gute ist: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Die Entdeckungsreisen von Christoph Columbus haben zu größeren und seetüchtigeren Schiffen geführt, die Erfindung des Flugzeuges zur Sauerstoffmaske. Die Weltraumfahrt wird Transportmittel für den interplanetaren Verkehr entwickeln und dabei vielleicht auch entdecken, wie man andere Planeten mit einer lebensfreundlichen Biosphäre ummanteln kann. Das ist jedenfalls wahrscheinlicher, als dass es gelingt, den Menschen biologisch so umzubauen, dass er eine essentielle Voraussetzung zum Leben nicht mehr braucht: die Luft zum Atmen.

Warum das so wichtig für die Raumluft ist und auf welche Weise Sie Pflanzen in Ihren eigenen vier Wänden unterbringen können, lesen Sie in diesem Artikel über Pflanzenwände.