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  • 15.09.2016
  • WOLF Redaktion

Die Neuerfindung der Blümchentapete

Wenn Sie ein Wohnzimmer haben, brauchen Sie eigentlich keinen Garten mehr. Hängen Sie statt Tapete und Bildern doch einfach Pflanzen an die Wand. Das schafft nicht nur eine wahre Augenweide, es hebt auch die Stimmung und sorgt für bessere Luftqualität.

Eine Lieblingsschülerin von Lehrern der Generation '68 sitzt in manchen Klassenzimmern noch heute auf der Fensterbank: Die Grünlilie. Die eine füllig, wie eine riesige Perücke mit Haaren bis zum Boden, die andere als kümmerlicher Ableger im Wasserglas, der allerdings in wenigen Wochen schon ganz anders aussehen wird. Schulkinder können der Grünlilie buchstäblich beim Wachsen zuschauen und dabei lernen, was Pflanzen mit der Luft machen, die wir atmen.

Wenn der Garten hochkant steht

Dass Pflanzen Schadstoffe filtern und die Luftfeuchtigkeit erhöhen, ist keine neue Erkenntnis. Neu aber ist, in welcher Form sie mittlerweile im Innenraum zum Einsatz kommen. Nämlich längst nicht mehr nur als schnöde Topfpflanzen, sondern als ganze Wandgärten. „Vertical Gardening“ heißt ein Trend, der zunehmend seinen Weg aus dem Außenraum ins Wohnzimmer findet. Der Franzose Patrick Blanc gilt nicht nur als dessen Begründer, sondern auch als extremster Vertreter. Vom Wohnhaus in Paris bis zum Wolkenkratzer in Seoul testet Blanc die Grenzen des Begrünbaren aus und macht dabei auch vor sich selbst nicht halt – wie man an seiner ausschließlich grünen Garderobe und seinem grün gefärbten Haar erkennt.

Besucherzentrum des Zoos von Adelaide, gestaltet vom internationalen Architektur- und Designbüro HASSELL. Foto© Peter Bennetts.

Mittlerweile kümmern sich auch Wissenschaftler um das Prinzip „Living Wall“. Die US-Weltraumbehörde NASA forscht bereits seit 20 Jahren mit Pflanzen, die Umweltgifte aus geschlossenen Räumen filtern. Eine Eigenschaft, die nicht nur der Raumfahrt dient, sondern auch dem „Sick-Building-Syndrom“ entgegenwirken kann (damit werden Krankheitssymptome bezeichnet, die beim Aufenthalt in einem Gebäude auftreten, das etwa durch Baustoffgifte oder verschmutzte Klimaanlagen belastet ist). Zu diesem Zweck gibt es zum Beispiel das „Active Modular Phytoremediation Wall System (AMP)“, entwickelt vom Center for Architecture Science and Ecology (CASE) in New York. Die Pflanzen stecken hier nicht in Blumenerde, sondern mit freigelegten Wurzeln in Modulen mit einem Belüftungssystem. Das soll den Filtereffekt derart maximieren, dass schon vier Module den gleichen Effekt wie 800 bis 1200 konventionelle Zimmerpflanzen erzielen. Sogar der Belastung durch Treibstoff und Verbrennungsgase an Flughäfen soll die Kraft der Pflanzen beikommen können. Für den Flughafen von Singapur zum Beispiel plant Architekt Moshe Safdie gleich eine ganze Parklandschaft unter Glas. Kein Zufall übrigens, dass Megaprojekte wie dieses vornehmlich in den Metropolen Asiens zu finden sind: Nirgends ist die Luft gesundheitsschädlicher, nirgends die Notwendigkeit größer, geschützte Räume zu schaffen, in denen ein kontrolliertes, aber natürlich wirkendes und von der Natur unterstütztes Klima herrscht.

Augenweide und Projektionsfläche

Für öffentliche Unternehmen sind die Tapetengärten außerdem als Kommunikations- und Imagefaktor interessant. In den Eingangshallen großer Konzerne geben sie nicht nur Luftfeuchtigkeit ab, sondern auch ein Statement für ökologisches Bewusstsein oder nachhaltiges Wachstum. So installierte das internationale Planungsbüro Hassell im Besucherzentrum des Zoos von Adelaide bewusst eine Pflanzenwand mit hauptsächlich heimischen Pflanzen, um die Besucher für die Bedeutung von Artenschutz zu sensibilisieren.

Pflanzensystem der niederländischen Firma Wallflore. Die Bewässerung lässt sich per Smartphone-App steuern. Foto© Wallflore Systems N.V.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Egal wie viele Pflanzen Sie in Ihrem Wohnzimmer wuchern lassen, sie können andere Mittel zur Regulierung des Raumklimas nicht ersetzen, sondern nur unterstützend wirken. Und damit Ihnen Pflanzen helfen können, müssen auch Sie den Pflanzen helfen, indem Sie zum Beispiel für die richtige Temperatur sorgen und Pflanzensorten und Lichtverhältnisse aufeinander abstimmen. Hohen Aufwand müssen Sie dabei nicht betreiben: Mittlerweile gibt es fertig begrünte Module als Bilderrahmensystem, die zur gewünschten Flächengröße zusammengesetzt werden können und auch nicht mehr Pflege brauchen als die gute alte Grünlilie auf der Fensterbank.

Unter den folgenden Links finden Sie ein paar Tipps:

Als grundsätzliche Inspirationsquelle bietet sich Pinterest an. Einfach „vertical garden“ oder „living wall“ suchen.

Das Magazin „Schöner Wohnen“ hat Installations- und Pflegetipps sowie eine Liste von Anbietern modularer Pflanzenwandsysteme zusammengetragen.

Anleitung für einen vertikalen Garten zum Selbermachen (aus den Regalen eines schwedischen Möbelherstellers).

Die NASA hat die Top Ten der Zimmerpflanzen mit dem höchsten luftverbessernden Effekt ermittelt. Die Liste gibt es z.B. hier, und hier die gesamte NASA-Studie als PDF zum Download.

Wissenschaftliche Hintergründe zum Active Modular Phytoremediation Wall System liefert dieser Artikel im „Architect Magazine“ (auf Englisch).