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Luftschlösser

Luft ist überall, aber wir nehmen sie nicht als Materie wahr. Einige Künstler dagegen schon. Für sie ist Luft ein immer verfügbares Medium, das in alle möglichen Formen gebracht werden kann.
Charles Petillon, Igloo 2, Pigment-Druck, 60 x 78 cm
Charles Petillon, Igloo 2, Pigment-Druck, 60 x 78 cm, Courtesy Magda Danysz Gallery Paris.

Als der Naturforscher Michael Faraday (genau, der mit dem Käfig) 1824 den Luftballon erfand, war er eigentlich mit etwas anderem beschäftigt. Was heute ein Sinnbild für kindliche Vergnügung ist, entstand als Nebenprodukt ernsthafter wissenschaftlicher Forschung. Das Herstellungsverfahren der Kautschukgebilde hat sich bis heute nicht verändert, aber das Angebot an Formen und Dimensionen wird immer ausgedehnter

Charles Petillon, Superpositions, 2013. Pigment-Druck, 60 x 78cm.
Charles Petillon, Superpositions, 2013. Pigment-Druck, 60 x 78 cm, Courtesy Magda Danysz Gallery Paris.

Der Reiz solcher Luftstrukturen liegt vor allem in ihrer leichten, ephemeren Erscheinung. Sie bestehen ja eigentlich aus nichts, denn egal wie wichtig Luft für das menschliche Leben ist, wir nehmen sie in der Regel nicht wahr, schon gar nicht als Materie. Dass diese Gebilde früher oder später sterben, weil ihnen die Luft ausgeht, macht sie im Moment der Betrachtung nur noch wertvoller.

Charles Petillon, Heartbeat Covent Garden, London 2015. Ortsspezifische Installation.
Charles Petillon, Heartbeat Covent Garden, London 2015. Ortsspezifische Installation, Courtesy Magda Danysz Gallery Paris.

Der französische Künstler Charles Petillon erschafft aus unzähligen weißen Ballons zarte Gebilde, die nur in seinen Fotografien bestehen bleiben. Oft in unberührter Natur platziert, stehen diese Skulpturen für die Fragilität des ökologischen Gleichgewichts. Sie sind von einer Schönheit, die sich ihrer eigenen Vergänglichkeit sehr bewusst zu sein scheint. Selbst an belebten Orten wie dem Londoner Covent Garden erzeugen sie eine fast andächtige Stille, als wollten sie ihre Betrachter dazu bringen, innezuhalten und einmal ganz bewusst ein- und auszuatmen.

Jeremy Deller, Sacrilege, 2012. Installationsansicht Welsh Botanical Gardens
Jeremy Deller, Sacrilege, 2012. Installationsansicht Welsh Botanical Gardens Foto Jeremy Deller. Courtesy der Künstler und The Modern Istitute / Toby Webster Ltd, Glasgow.

Manche Luftgebilde sind nicht nur hübsch anzuschauen, man kann auch mit ihnen spielen. Eine Hüpfburg mit ernsthaftem Hintergrund hat der englische Künstler Jeremy Deller mit der Nachbildung der prähistorischen Kultstätte Stonehenge geschaffen. „Sacrilege“, zu Deutsch „Sakrileg“, nennt Deller sein Werk und stellt damit die Frage, auf welche Weise man als heilig geltende Orte nutzen darf – darauf herumhüpfend oder nur ehrfürchtig betrachtend?

Penique Production, El Claustro, Querétaro, México 2011, Foto und Courtesy Penique Productions.
Penique Production, El Claustro, Querétaro, México 2011, Foto und Courtesy Penique Productions.

Auch das Künstlerkollektiv Penique Productions nutzt Luftkörper, um ein Bewusstsein für Orte zu wecken. So wurde in einem mexikanischen Kloster der von einem Kreuzgang umgebene Innenhof komplett mit einer aufblasbaren blauen Struktur ausgefüllt. Von außen versperrtedie riesigeLuftblase den Blick, im Inneren wirkte der Raum wie aus einer Form gegossen.

Filthy Luker, Troublin in Dublin, 2014, Foto und courtesy Filthy Luker and Pedro Estrellas
Filthy Luker, Troublin in Dublin, 2014, Foto und Courtesy Filthy Luker and Pedro Estrellas

Eine veränderte Wahrnehmung von Raum wollen auch die Installationen des Künstlers Luke Egan bewirken. Unter dem Pseudonym „Filthy Luker“ lässt er riesige, aufblasbare Krakententakel aus Gebäuden wachsen, die er dann für „octopied“ erklärt, eine Verballhornung des Begriffs „occupied“, auf Deutsch „besetzt“. Ein Oktopus als Hausbesetzer, das mag lustig klingen, aber wenn etwas, das aus Luft und damit aus einem Gemeingut besteht, ein Haus besetzt, dann steht das auch für den Konflikt, der oft mit der Frage einhergeht, wem eigentlich öffentlicher Raum gehört.

Bubble GrandSuite von Bubble Tree, www.bubbletree.fr. Foto Pierre-Stéphane Dumas
Bubble GrandSuite von BubbleTree www.bubbletree.fr. Foto: Pierre-Stéphane Dumas

Einen sehr viel praktischeren Zugang zu Luftkörpern pflegt der französische Designer Pierre-Stéphane Dumas. Er hat ein aufblasbares, mobiles Zimmer entwickelt, das sich an fast jedem beliebigen Ort in der Natur aufstellen lässt. „Bubble Tree“ nennt er das, in Anlehnung an eine andere Behausung, die sich ebenfalls überall dort installieren lässt, wo es Natur, beziehungsweise genauer, wo es Bäume gibt: das gute alte Baumhaus, Traum fast jeden Kindes. Seine Faszination liegt im gleichzeitigen Erleben von Schutz und Freiheit, von Außen- und Innenraum. Auch aufblasbare Strukturen stehen für diese Gleichzeitigkeit von Innen und Außen. Sie bestehen aus dem Raum, der sie umgibt. Sie machen uns bewusst, dass Luft eben nicht nichts ist, sondern dass sie einen Raum bildet, der uns alle umschließt.