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Atmen in der Apokalypse

Die indische Hauptstadt Delhi gehört zu den Orten mit der höchsten Luftverschmutzung der Welt. Wie gehen die Bewohner damit um?
Megacity Delhi Luftveschmutzung

Im Oktober letzten Jahres flog ich nach Delhi zur Hochzeit meiner jüngeren Schwester. Natürlich war mir bekannt, dass die Luftverschmutzung in der indischen Hauptstadt bisweilen bedenkliche Werte erreicht, aber dieser für mich abstrakte Tatbestand berührte mich so wenig wie die Nachrichten von Konflikten in fernen Regionen; ich maß ihm einfach keine Bedeutung bei. In Pune, wo ich lebe, ist die Luft auch nicht gerade die sauberste, aber das beeinträchtigt mein Leben kaum. Außerdem waren die Hochzeitsvorbereitungen eh viel wichtiger. Kleideranproben beim Schneider, Geschenkelisten und Reiseplanung hielten die gesamte Familie auf Trab. Keinem von uns wäre es eingefallen, Atemmasken zu besorgen. Wozu auch, in Delhi trug die doch auch keiner.

Und überhaupt, waren all die Berichte über die Luftverschmutzung nicht ein wenig übertrieben? Waren sie nicht möglicherweise geprägt von einem tendenziösen Blick, wie er die Berichterstattung internationaler Medien über Entwicklungsländer üblicherweise trübt? Einen Monat zuvor war ich in Wien gewesen, wo mir jeder Mensch, den ich traf, den guten Rat mit auf den Weg gab, ich solle nur ja die gute Luft „direkt aus den Alpen“ genießen, bevor ich nach Indien zurückkehre. Die Ironie des Ganzen: Wann immer ich von meinen Bekannten daran erinnert wurde, schön tief einzuatmen, füllten sich meine Lungen mit beißendem Zigarettenrauch, den ich samt guter Luft wieder aushustete. Im Stillen dachte ich, was ist nur los mit diesen Menschen? Sie kommen in den Genuss der saubersten Luft und haben nichts Besseres zu tun, als sie zu verpesten. Das entsprach viel eher meinem Verständnis von Luftverschmutzung. Bis ich Delhi erlebte.

Meine Augen fingen zu tränen an, meine Stimme klang kratzig

Wir landeten in Delhi zu Beginn des mehrtägigen hinduistischen Lichterfestes, Diwali. Im Radio wurde laufend vor dem Zünden von Feuerwerkskörpern gewarnt, traditionell Bestandteil der Festivitäten, aber leider ein luftverpestender. „Die Bekanntmachungen können sie sich auch sparen, da hält sich doch eh wieder niemand dran“, maulte meine Schwester. „Viel wichtiger ist, dass du deine Allergietabletten nimmst, nachher bekommst du noch Schnupfen oder ein verquollenes Gesicht, und wie sieht das dann aus auf meinen Hochzeitsfotos!“

Ich gab mir Mühe. Aber bis zum Abend hatten meine Augen zu tränen angefangen, meine Zunge hatte einen bitteren Belag, meine Stimme hörte sich kratzig an. Wahrscheinlich psychologisch bedingt, dachte ich angesichts des bevorstehenden Abendessens mit der ganzen Familie, das am Vorabend der Hochzeit im Hause meiner neuen Schwiegerverwandten stattfinden sollte. Außerdem hatte mich meine Familie eindringlich gebeten, mich von meiner besten Seite zu zeigen und meine scharfe Zunge zu hüten, was mein Wohlbefinden nicht gerade erhöhte.

Die Luft wurde immer unerträglicher

Bei Tisch fiel mir auf einmal auf, dass ich den Nachbartisch kaum noch sehen konnte, der vielleicht drei Meter weg stand. Ich rieb mir die Augen, aber das half nichts, mein Blickfeld schien immer kleiner zu werden. Dann hörte ich das Knallen der Feuerwerkskörper. Ob man denn nicht die Fenster und Türen schließen müsse bei der Rauchentwicklung, fragte ich die Gastgeberin. Ach was, entgegnete die, „im Gegenteil, wir halten alles offen, damit Laxmi eintreten kann“. Als ob die Göttin des Glücks und Wohlstands Lust auf so eine dicke Luft hätte, dachte ich nur.

Die Luft wurde immer unerträglicher, aber meine Verwandten blieben merkwürdig gelassen. Sie lebten jetzt seit 30 Jahren in Delhi, hatten sich ihre Lungen an die Luftverhältnisse angepasst? Als ich kaum noch atmen konnte, fragte ich, ob es im Haus Luftfilter gebe. „Quatsch, so etwas brauchen wir nicht“, sagte meine Schwägerin und antwortete auf meinen irritierten Gesichtsausdruck: „Du bist halt nicht aus Delhi, du bist es nicht gewohnt, aber während des Feuerwerks ist die Luft immer ein bisschen schlechter, morgen ist sie wieder rein.“ Ich kämpfte mich durch den Rest des Abends, aber als wir dann vor die Tür traten, konnte ich fast nichts mehr sehen. Die Luft war wie eine zähe, wabernde Masse. Panik stieg in mir auf, plötzlich hatte ich Angst vor der Zukunft. Das hier, dachte ich, muss die Apokalypse sein. Warum tat niemand etwas, warum rief der Premierminister nicht den Notstand aus? Wie konnten die Einwohner unter diesen Verhältnissen leben?

Als wir Delhi verließen, litten wir an Asthma

Als ich am nächsten Morgen in meinem Hotelbett aufwachte, fühlte ich mich benommen und niedergeschlagen. Ich hatte keinen Husten oder Schnupfen, aber in meinem Rachen fühlte ich etwas, das ich nur als „Phantomschleim“ beschreiben kann, und genau dieses Gefühl hatte ich auch in meinem Hirn. Im Frühstücksraum des Hotels war nur ein weiterer Gast. Er machte eine Bemerkung zur schlechten Luftqualität und lud mich ein, mich an seinen Tisch zu setzen. Ich stellte mich vor, als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Südostasien. Er arbeitete als Spezialist für Risikobewertung bei UNICEF und erzählte mir von einer UNICEF-Studie zum Zusammenhang zwischen Kindersterblichkeit und Luftverschmutzung, die ausgerechnet jetzt, während des Lichterfestes, erschienen war. Was für ein Gespräch zu Beginn des Tages, an dem ich meinen elegantesten Sari an- und mein schönstes Lächeln auflegen würde, um die Hochzeit meiner Schwester zu feiern.

Atemmaske Delhi Luftverschmutzung

Feuerwerk als Smog-Verstärker

Als wir ein paar Tage nach der Hochzeit Delhi verließen, litten meine Mutter und ich an Asthma. Ich informierte mich über das Thema Luftverschmutzung in Zusammenhang mit Diwali. Nach einer Studie des indischen Umweltministeriums gelten als maßgebliche Smogfaktoren Autoabgase, Feinstaub von Baustellen und Müllverbrennungen auf offenen Halden sowie für Heizen und Kochen genutzte Brennstoffe. Die zum Diwali-Fest gezündeten Feuerwerke lösen Smog zwar nicht aus, verstärken aber das Problem. Der Rauch bleibt schwer in der Luft hängen, insbesondere bei kälteren Temperaturen, Windstille und einer erhöhten Luftfeuchtigkeit, wie sie für die Jahreszeit typisch sind. Am Morgen nach den Feuerwerken war eine Sichtweite von null Prozent gemessen worden. Am Flughafen Indira Ghandi in Delhi wurden die schlimmsten Smogwerte seit 17 Jahren ermittelt. Mehrere Schulen mussten zeitweise schließen. Die Regierung sprach keinerlei Gesundheitswarnung aus. Aber rund 300 Einwohner Delhis demonstrierten gegen die Situation am berühmten Denkmal Jantar Mantar. Sie trugen Atemmasken.

Einen Monat später reiste ich erneut nach Delhi, diesmal als Teilnehmerin einer Konferenz. In der Zwischenzeit hatte ich mir eine Atemmaske besorgt. Sie versprach einen Filterwert von 95 Prozent, aber sie war nicht besonders bequem, und ich fragte mich, welche Auswirkungen es wohl auf die soziale Interaktion haben würde, wenn meine Gesprächspartner nicht sehen konnten, ob ich lachte oder die Zähne fletschte.

Gleich nach der Landung setzte ich die Maske auf und nahm ein Taxi zu einer Freundin, bei der ich übernachten wollte. Sie begrüßte mich an der Tür, ihre beiden Söhne im Arm, mit einem missbilligenden Blick auf meine Maske: „Bitte sag' jetzt nicht, dass du diesen Quatsch mit der Luftverschmutzung ernst nimmst!“ Dankbar für die Übernachtungsmöglichkeit erwiderte ich nichts. Aber zur Konferenz fuhr ich mit meiner Atemmaske. Außer mir hatten nur noch zwei weitere Teilnehmer aus dem Ausland eine dabei.