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  • 15.09.2016
  • WOLF Redaktion

Vor Farben
gibt es kein Entkommen

Farben haben einen starken Einfluss auf das Empfinden. Sie können kühlen oder wärmen, anregen oder beruhigen. Wie eine Farbe wirkt, lässt sich am besten dort ermitteln, wo es kein Entkommen vor ihr gibt: in einer Gefängniszelle.

„Farbe ist der Ort, wo sich unser Gehirn und das Weltall begegnen“, hat Paul Cézanne einmal gesagt. Als Maler hatte er natürlich ein besonders intensives Verhältnis zu Farben, aber man muss kein Künstler sein, um nachvollziehen zu können, was er meinte: Farbe ist Raum. Und zwar ein potentiell unendlicher. Farben markieren den Horizont und lassen uns den Himmel sehen. Farben wecken Gefühle, Gedanken und Erinnerungen. Farben können den Weg weisen, Verkehr regeln und vor Gefahren warnen. Farben haben eine universale Präsenz, und deshalb erscheint es nur folgerichtig, dass ausgerechnet das Universal-Genie Johann Wolfgang von Goethe den Grundstein für die moderne Farbenlehre legte. Die physiologischen und physikalischen Umstände der Entstehung und Wahrnehmung von Farben sind allerdings erst heute umfassend bekannt, und zwar so genau, dass zur Definition von „Farbe“ sogar eine DIN-Norm eingeführt wurde.

Johann Wolfang von Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809. ©PD-old-100/Wikimedia Commons.

Eine Definition der psychologischen Wirkung von Farben gestaltet sich schwieriger. Als sich die Schweizer Farbdesignerin Daniela Späth vor 25 Jahren dem Thema Farbpsychologie zuwandte, war sie ziemlich alleine damit: „Die Leute hielten das für Esoterik“. Kein Wunder, wurde die Wechselwirkung zwischen Farbe und menschlichem Körper historisch doch eher dem Mystischen als der Wissenschaft zugerechnet. In der Antike wurden Kranke zur Heilung in farbige Tücher gehüllt, und im 14. Jahrhundert versuchte man Pockenseuchen beizukommen, indem man Infizierte in komplett rot verhangene Räume verlegte. Dass Anfang des 20. Jahrhunderts mit Rudolf Steiner ein populärer Esoteriker eine Farbtherapie entwickelte, mag der wissenschaftlichen Anerkennung auch nicht gerade dienlich gewesen sein.

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden“

Johann Wolfgang von Goethe, Zur Farbenlehre, 1810

Zweifler melden sich zwar immer wieder zu Wort, aber der Erfolg gibt Daniela Späth recht. Ihre Arbeit hat sie sogar schon ins Gefängnis gebracht: Ein Justizvollzugsbeamter aus dem Pfäffikon war auf ein Experiment des US-amerikanischen Wissenschaftlers Alexander Schauss gestoßen. Der hatte 1979 die Zelle eines Gefängnisses in Seattle pink streichen lassen und festgestellt: Eine Viertelstunde in der pinkfarbenen Zelle reichte aus, um aggressive Häftlinge zu beruhigen. Das musste doch auch in Schweizer Gefängnissen funktionieren, dachte sich der Beamte und bat Späth um Unterstützung. Wenig später waren zwei Zellen eines Hochsicherheitstrakts in „Cool Down Pink" gestrichen, wie Späth die zu diesem Zweck entwickelte Farbe nannte. Sie hat sich die Wortmarke schützen lassen, heute produziert ein Schweizer Farbhersteller den Farbton.

Zelle in einem Schweizer Gefängnis in der Farbe „Cool Down Pink“. Foto© Michel Nellen/© Dold AG

Auch deutsche Gefängnisse folgten dem Schweizer Experiment und strichen einzelne Zellen pink. Allerdings ließ sich die beruhigende Wirkung nicht überall bestätigen – die JVA in Dortmund zum Beispiel hat ihre pinkfarbene Zelle wieder weiß gestrichen. Warum hat es dort nicht funktioniert? „Die Wirkung von Cool Down Pink wurde wissenschaftlich belegt“, erklärt Späth. „Wir haben Probanden in unterschiedlich eingefärbte Kabinen geschickt und danach unter anderem den Blutdruck gemessen. Nach einem Aufenthalt in der pinkfarbenen Kabine fiel er signifikant ab. Aber individuelle Prägung und Einstellung können die Wirkung von Farben beeinträchtigen. Hat etwa das Gefängnispersonal eine negative Grundhaltung oder hält den Versuch für fragwürdig, wird sich das auf die Inhaftierten übertragen.“ Hinzu kommt, dass Pink eher als weibliche oder „schwule“ Farbe gilt, weshalb manche die Konfrontation mit dieser Farbe als Demütigung empfänden. Es gab laut Späth allerdings auch schon Inhaftierte, die sich in einer pinken Zelle so wohl fühlten, dass sie am liebsten dauerhaft darin geblieben wären.

„Pink kann Aggressivität mindern, aber nicht ihre Ursache beheben“

Farbdesignerin Daniela Späth

Mittlerweile wird Cool Down Pink nicht nur in Gefängnissen, sondern auch in psychiatrischen Einrichtungen und Schutzräumen eingesetzt. Sogar ein Gestüt auf Mallorca hat den Farbton zur Beruhigung seiner Vollblüter geordert. Im Privatbereich ist er hingegen weniger gefragt. Einmal meldete sich eine Dame bei Späth und berichtete von ihrem sehr aggressiven Ehemann. Ob es helfen würde, die Zimmer im gemeinsamen Haus alle pink zu streichen? Die Expertin riet ab. Das könne übergriffig wirken, der Mann würde sich womöglich gegängelt fühlen und in der Folge noch aggressiver werden. Außerdem hat die Macht der Farben dann doch ihre Grenzen, wie Späth betont: „Cool Down Pink kann aggressives Verhalten mindern, aber nicht ihre Ursache beheben.“

Wenn die Farbdesignerin Räume gestaltet, dann verfolgt sie im Grunde das gleiche Ziel wie ein Klimatechniker: Die Bewohner sollen sich wohlfühlen. Die Beschaffenheit des Raumklimas spielt für ihre Arbeit allerdings keine Rolle, auch wenn Farben durchaus das Temperaturempfinden beeinflussen. „Studien zufolge wird die Temperatur in einem in warmen Tönen gehaltenen Raum 2°C wärmer eingeschätzt, und das gleiche gilt umgekehrt für Räume in kühlen Farben. Aber gerade in neuen Gebäuden lässt sich heute die Temperatur so gut regulieren, dass dieser Faktor keine Rolle mehr spielt.“ Abgesehen davon überwiege auch hier die Konditionierung durch individuelle Erfahrungen: „Egal, wie sehr sich Rot als warme Farbe anbietet, wer zum Beispiel unangenehme Erfahrungen mit Feuer gemacht hat, wird angesichts dieser Farbe vielleicht eher frösteln als sich wohl zu fühlen.“

Foto© Michel Nellen/© Dold AG

Das Raumempfinden beeinflussen Farben auch dort, wo ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zukommt – und sogar dort, wo es keine gibt. So behauptet der Farbforscher Axel Venn, weiße Wände seien menschenfeindlich und würden gute Gespräche verhindern. Nun kann man sich in Einzelhaft sowieso nur mit sich selbst unterhalten, mag die Wandfarbe der Gefängniszelle auch noch so gesprächsfördernd wirken. Aber vielleicht liegt ein Geheimnis der Wirkung von Cool Down Pink in dem, was der eingangs zitierte Maler Cézanne gesagt hat: Wenn es stimmt, dass Farbe der Ort ist, wo sich Gehirn und Weltall begegnen, dann vermittelt eine Gefängniszelle, deren Raum von Farbe definiert wird, eine Ahnung von Grenzenlosigkeit und gibt ihren Insassen das Gefühl, sich ein kleines bisschen weniger unfrei zu fühlen.

Wer nicht hinter Gittern sitzt, wird eine pinkfarbene Gefängniszelle verständlicherweise außerhalb der eigenen Lebensrealität verorten. Doch das Beispiel kann durchaus zeigen, wie man sich zu den eigenen vier Wänden in Beziehung setzt: In einem geschlossenen Raum fühlt man sich nicht deshalb wohl, weil man ihn jederzeit verlassen kann, sondern weil man ihn nicht verlassen will. Dieses „Wohlfühlen“ mag ein unbestimmtes Gefühl sein, aber welche Faktoren es erzeugen können, lässt sich bestimmen. Und Farben gehören dazu.