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  • 15.09.2016
  • WOLF Redaktion

Kommen wir zum Wetter

Der Künstler Berndnaut Smilde lässt Wolken entstehen, wo man sie am wenigsten vermutet: in Innenräumen.

Über nichts unterhalten sich Menschen so gern wie über das Wetter. Und über das Raumklima – denn das ist schließlich das Wetter im Innenraum. Der Künstler Berndnaut Smilde lässt Wolken in Räumen entstehen und löst so die Grenzen zwischen Innen und Außen auf.

Noch immer gibt es Fluten und Stürme, die Opfer fordern, noch immer gibt es Regionen auf dieser Welt, in denen eine Dürreperiode zu Hungersnöten führt. Aber der Großteil der menschlichen Zivilisation ist meist nur noch dann von extremen Wetterlaunen betroffen, wenn Heizung oder Klimaanlage nicht funktionieren.

Je mehr das Wetter als lebensbestimmender Faktor in den Hintergrund trat, desto wichtiger wurde etwas anderes: das Raumklima. Heute arbeiten die meisten von uns nicht mehr auf den Feldern, sondern in Büros. Wärme spendet uns nicht mehr das Lagerfeuer, sondern die Heizung. Raumklima ist unser neues Wetter, und wir sprechen mindestens so gern darüber, ob uns kühl ist, ob es zieht oder die Luft stickig ist, wie wir über das Wetter in der Natur reden. Der holländische Künstler Berndnaut Smilde illustriert das auf eindringliche Weise: Er ist ein Wettermacher. Einer, der die Wolken vom Himmel holt und sie in geschlossene Räume verfrachtet. Das sieht nicht nur verblüffend aus, sondern funktioniert auch als Projektionsfläche für unser Verhältnis zum Wetter, zur Natur und für unser Verständnis von Raum.

Berndnaut Smilde bei der Installation einer Wolke in der Kunst Station Sankt Peter, Köln 2014. Foto© Annegret Kellner. Alle Bilder, wenn nicht anders genannt: Courtesy B. Smilde und Ronchini Gallery, London.

RAUMKLIMA: Die traditionelle niederländische Landschaftsmalerei ist berühmt für ihre bewegten Wolkenformationen. Stellen Sie sich als holländischer Künstler mit Ihren Wolken bewusst in diese Tradition?

BERNDNAUT SMILDE: Ja. Wir haben keine Berge in Holland, dafür diesen tiefen, endlosen Horizont. Himmel und Wolken sind ein bestimmendes Element unserer Landschaft. Auch das Licht ist hier ein ganz besonderes. Es wird reflektiert von den vielen Gewässern, die das Land durchziehen, und bricht sich in Wolken und Dunst. Mich interessiert nicht so sehr die Natur an sich, sondern die Vorstellung davon. Und die Wolke ist für mich ein schönes Symbol dafür, weil sie nicht greifbar ist. Seit Jahrhunderten nutzen Menschen die Wolke als mythologisches Symbol und Projektionsfläche. Für mich haben klassische Landschaftsgemälde auch etwas Dunkles. Manchmal betrachte ich meine Wolken, als hätte ich sie aus diesen Gemälden entführt und dafür gesorgt, dass sie ganz für sich allein sein können.

Berndnaut Smilde in der Kunst Station Sankt Peter in Köln. Foto© Annegret Kellner.

RAUMKLIMA: Haben Sie Wolken als atmosphärisches Phänomen studiert? Und versuchen Sie, bestimmte Wolkenformationen genau so nachzubilden, wie man sie in der Natur findet?

BS: Das ist ein wichtiger Punkt für mich. Dichte, Größe und Ausdehnung müssen schon passen, damit der Betrachter mein Konstrukt als 'echte' Wolke wahrnimmt. Ich nehme auch Bezug auf den Raum, so wie ein Landschaftsmaler den Bildraum in seine Komposition einbezieht. Manchmal arbeite ich mehrere Tage am Stück, um die richtige Wolke zu 'finden'.

Berndnaut Smilde, Nimbus de Hallen, 2014.

RAUMKLIMA: Wie funktionieren Ihre Wolkeninstallationen technisch? Sind sie von raumklimatischen Bedingungen wie Temperatur oder Luftfeuchtigkeit abhängig?

BS: Ich arbeite nur mit Rauch und Wasser. Der Rauch bindet das Wasser, aber in der Regel existiert so eine Wolke nur für ein paar Sekunden. Kühle Räume mit hoher Luftfeuchtigkeit verlängern ihre Lebensdauer ein bisschen.

Berndnaut Smilde, Nimbus Litta, 2013.

RAUMKLIMA: Ihre Wolken sind Skulpturen, aber sie sind flüchtig. Sie müssen sie fotografieren, um sie zu einem bleibenden Kunstwerk zu machen. Ist das kein Widerspruch?

BS: Das Foto ist das eigentliche Werk. Die Erschaffung der Wolke ist mir nicht so wichtig, auch nicht, ob mir jemand dabei zusieht. Das Foto dokumentiert, dass es eine physisch produzierte Wolke gab, aber am Ende zählt nur das Bild der Wolke als Projektionsfläche.

Berndnaut Smilde, Nimbus Waterschei, 2014.
Berndnaut Smilde, Nimbus Visual, 2013.

RAUMKLIMA: Sie überführen ein Element aus der Natur in den Innenraum. Man kann das als Ausdruck der Macht des Künstlers über die Natur sehen. Oder auch als ein Symbol für das Streben des Menschen, die Natur zu kontrollieren. Geht es Ihnen auch darum, ein Bewusstsein für den Wert der Natur und unseren Umgang damit zu wecken?

BS: Dieser Aspekt spielt für mich keine Rolle, aber mir ist schon klar, dass die künstliche Nachahmung einer Wolke im Innenraum solche Lesarten zulässt. Sicher, wenn man die Natur in einen geschlossenen Raum verfrachtet, droht man sie zu zerstören im Versuch, sie zu zähmen. Aber für mich sind meine Wolken temporäre Skulpturen am Rande von Materialität, etwas, das im Moment seines Entstehens schon wieder in Auflösung begriffen ist, und genau deshalb regen sie die Vorstellung des Betrachters an.

Berndnaut Smilde (*1978) lebt und arbeitet in Amsterdam. Er wird vertreten von der Galerie Ronchini, London.  Mehr Informationen zum Künstler: www.berndnaut.nl