
Mainburg/Mallersdorf. Lange lebten die Deutschen, um zu arbeiten. Dann arbeiteten sie, um zu leben. Im Moment versuchen sie, Arbeit und Leben zu verbinden. Doch die nächste Generation hat schon wieder ein eigenes Selbstverständnis. Der Generationenwechsel beschäftigt die Arbeitgeber der Region – ganz gleich welcher Branche.
Früh im Bewerbungsprozess würden ihr Anwärter aus den Generationen Y und Z einen ganzen Katalog an Erwartungen vorlegen. Eine Perspektive, ein Smartphone und ein Dienstwagen sollen es schon sein. Zu viel Arbeit an Wochenenden oder abends eher nicht. Und wann genau steht die Beförderung zum Teamleiter an? Ob der Bewerber eine Chance auf die Stelle hat, ist da noch gar nicht klar.
Generationenmodelle sind umstritten, denn sie werden nicht der gesamten Bevölkerung gerecht. Doch für Soziologen sind sie ein Werkzeug, um Gesellschaftstrends abzubilden. Die Generationen Y und Z stehen demnach für Menschen, die nach 1980 beziehungsweise 1992 geboren sind. Sie sind mit Computern und dem Internet aufgewachsen, gelten im Schnitt als kreativ, flexibel, zugleich aber auch als sprunghaft, ungeduldig und kompromisslos. Maxime ist das Leben im Hier und Jetzt.
Rund ein Drittel der Zeit verbringen die Deutschen an ihrem Arbeitsplatz. „Die neuen Generationen wollen diese Zeit nicht mehr nur als Karriereleiter, sondern auch zur Selbstverwirklichung nutzen“, erklärt Lisa-Marie Kreis vom Institut für Beschäftigung in Ludwigshafen. „Die Arbeit ist nicht mehr der Mittelpunkt des Lebens.“

Mit 42 Jahren steckt Darka Marquardt selbst zwischen den Generationen X und Y. „Ich sehe mich eher als Y“, sagt sie. Aus Autos und Besitz mache sie sich nicht viel. Ihre Karriere ist ihr dennoch wichtig. „Ich habe Veränderungen stets als Chance und Vorteil gesehen. Da muss man sich auch mal durchbeißen und selbst in seine Entwicklung investieren.“ Merkmale, die der Generation X und noch mehr den Babyboomern zugeschrieben werden. In den beiden Generationen ist der soziale Aufstieg sehr viel wichtiger. Der Arzt, der Abteilungsleiter, der Ingenieur: Solche Stellungen haben Gewicht.
Soziale Sicherheit spielt für die Babyboomer eine sehr viel größere Rolle, als sie es für die Generationen Y und Z tut. Die Unternehmenstreue ist stärker. „Die Babyboomer äußern ihre Unzufriedenheit offen, wenn ihnen etwas nicht passt“, sagt Marquardt. „Das Unternehmen wechseln sie aber eher selten.“ Junge Mitarbeiter seien da schneller weg. Sie legen zwar großen Wert auf die Arbeitsplatzsicherheit, haben laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse aber den größten Wunsch nach Veränderung und setzen diesen auch am entschlossensten um.
Ähnliche Erfahrungen hat auch Bauunternehmer Robert Fahrner gemacht. Einige seiner Mitarbeiter hat er schon an Ingenieurbüros verloren. „Die haben feste Arbeitszeiten, zahlen dafür aber schlechter“, sagt der 51-Jährige aus dem Landkreis Straubing-Bogen. Fahrner und seine technischen Leiter kommen im Sommer auf 60 Wochenstunden und mehr. „Manche muss ich bremsen, aber jeder tut sich das nicht an.“ Einige lehnten sogar Beförderungen ab, um mehr Zeit für die Familie zu haben.
Das gilt auch für die Baustellenarbeiter. Asphaltierer und Baggerfahrer kommen auf bis zu 50 Wochenstunden. „Früher hieß es: Sonderschicht am Sonntag. Die Straße muss fertig werden. Dann musste man niemanden lange betteln. Heute ist es deutlich schwerer, Leute dafür zu finden“, sagt Fahrner.
Arbeitsforscher führen die Beobachtungen unter anderem auf einen gewissen Lern- und Sättigungseffekt zurück. „Es ist sicher so, dass bei den Generationen Y und Z der Druck fehlt, schnell Geld zu verdienen. Meist sind die jungen Leute von zu Hause finanziell abgesichert“, erklärt Kreis. Gleichzeitig hätten sie als Kinder beobachtet, welcher Belastung sich ihre Eltern aussetzten – und daraus gelernt.
Fahrner will sich deshalb Modelle überlegen, um die Arbeit für seine Mitarbeiter angenehmer zu machen. „Wir sind dabei, neue Leute einzustellen und die Arbeiten auf mehrere Schultern zu verteilen.“ So ganz einfach sei das aber nicht. Schließlich ist das Baugeschäft saison- und projektgebunden.
Darka Marquardt versucht bei ihrer Belegschaft, eine gesunde Mischung hinzukriegen. Es gelte der jungen Generation entgegenzukommen. „Bei uns gibt es außer bei der Schichtarbeit keine Wochenendarbeit. Außerhalb der Arbeitszeit muss man nicht erreichbar sein und wir versuchen Wünsche wie lange Urlaube zu ermöglichen.“ Andererseits müssten junge Arbeitnehmer verstehen, dass Unternehmen keine wohltätigen Einrichtungen sind. Manches sei schlicht nicht möglich.
Daneben geht Marquardt auch in älteren Generationen auf Mitarbeitersuche. „Das Alter spielt keine Rolle. Wenn jemand auf einen Posten passt, wird er eingestellt.“ Der demografische Wandel sei ohnehin nicht aufzuhalten. Zudem versucht sie, zwischen den Generationen zu vermitteln. „Es löst viele Probleme, wenn man die Werte und Wünsche des anderen kennt.“ Eine solche Belegschaft sei am leistungsfähigsten, sagt Marquardt. Zumal es Punkte gibt, in denen sich die Ältesten und die Jüngsten einig sind. Den Laptop nehmen nach der Arbeit beide nicht gerne mit nach Hause. „Und ihre Fähigkeiten ergänzen sich ganz wunderbar“, sagt Marquardt
Erstveröffentlichung im Straubinger Tagblatt am 5. Oktober 2017